"Steinpilze wie im Paradies"
Wie oft haben ihn auf diesem Weg morgens, ganz früh, in aller Freundlichkeit Steinpilze gegrüßt! Der Wald döste noch im halb nächtlichen Grau, der Mann war gerade erst dabei, seine Schritte und Gedanken für den heraufziehenden Tag zu ordnen...
...und plötzlich standen in diesem Sand- und Lehmgemisch ein, zwei Steinpilze stramm: der Bauch von drallbarocker Beleibtheit, der Hut wie derb gepolstert. So richtige Protze! Guten Morgen, Herr Sdun!
Sommer-Steinpilze. Von Ende Mai bis in den September hinein waren sie hier fast eine Wegwarte. So untrennbar waren sie mit dem Sand- und Lehmweg verbunden. Und das während Jahrzehnten.
Dieter Sdun mit Sommer-Steinpilzen und einer Rotkappe an seinem Lieblingsweg. Es gibt ihn nicht mehr. 2008 wurde er geschottert und stark verbreitert. Links hinter Sdun verläuft jetzt eine Erdgas-Pipeline.
Diese Verbundenheit hatte Dieter Sdun aus Dornstedt bei Querfurt in Sachsen-Anhalt mit ihnen gemeinsam. Denn: „Dieser Weg ist das schönste Stück im riesigen Staatsforst von Ziegelroda. Ich liebe ihn über alles. Seinen sandig-lehmigen Boden. Die Gehölze und Jungbäume auf der einen und die alten, ehrwürdigen Buchen und Eichen auf der anderen Seite. Und wenn dann hier und da auch noch eine Rotkappe aus den Rändern hervorflackert...“ An seinem "Lehmweg" freute er sich wie ein Kind Dann konnte sich Dieter Sdun freuen wie ein Kind. Bei jedem Waldgang gab er hier mit fast immer gleichen Worten und heiterem Lachen seine Liebeserklärung ab. Über seinen „Lehmweg“, wie er die vielleicht schönste Verbindung seines Lebens nannte, erreichte er seine Pilzreviere.
Doch dann, es war wohl 2005, kamen die Monster. Schwere Maschinen von unvorstellbarer Gefräßigkeit. Sie vertilgten in wenigen Minuten Bäume, die weit über 100 Lebensjahre für ihr würdevolles Aussehen gebraucht hatten. Das Schrecklichste aber war: In ihrem Gefolge rollten Stahlgeschwister an, die den herrlichen Lehmweg auch noch wegfraßen. Seit 2008 ist der geschottert und ein paar Mal so breit wie früher. Und neben der Schotterstraße verläuft neuerdings eine Erdgas-Pipeline. So sieht der „Naturpark Saale-Unstrut-Triasland“, zu dem der Staatsforst Ziegelroda gehört, hier aus.
Ein Korb voller Steinpilze und Rotkappen: So kehrt Dieter Sdun oftmals aus seinen Pilzrevieren zurück. Einen Großteil der Pilze verschenkt der pensionierte Lehrer für Russisch und Sport in der Nachbarschaft.
Der Laubwald mit den uralten Eichen lockt ewig Über diese trostlose Pforte, die mehr an ein Industrieareal erinnert, erreicht Dieter Sdun jetzt seine Pilzreviere in dem 8400 Hektar großen Staatsforst Ziegelroda. Der hat einen Laubbaumanteil von 83 Prozent, darunter 49(!) Prozent Eichen.
Wie Du Steinpilze auf dreierlei Art trocknest
Wie Du sie zu köstlichen Steinpilz-Chips einfrierst
Dieter Sduns Reviere sind vor allem weitläufige Buchenhallen. In die starken Rotbuchenbestände mischen sich voller Selbstbewusstsein teils uralte Traubeneichen, Hainbuchen, Winterlinden, Feldahorn, Ebereschen und Birken. Fast alle sind sie starke, strotzende Bäume jenseits der 100 Jahre. Dazu gibt es einen engen Weg, in dem die Lärchen zu beiden Seiten freundlichst paradieren. Und eine Eichenplantage mit 20, 25 Jahre alten Bäumen. Und, natürlich, eine Fichtenschonung. Und als Zugabe Graswege mit südwestlicher Sonne. Sie alle waren lockende und lohnenswerte Ziele. Das war sein Revier. Oder genauer: sein Leben.
Eine wahre Pracht: Dieter Sdun hat einmal mehr herrliche Steinpilze gefunden. Es ist selbstverständlich, dass er sie gründlich vorgeputzt in den Korb legt.
Und auch in diesen ehrwürdigen Beständen haben die stählernen Fressmaschinen ganze Arbeit geleistet. Haben viele schöne alte Bäume ratzfatz verschwinden lassen. Haben Durchblick bis zur Landstraße geschaffen, haben die Ränder gelichtet und Schneisen geschlagen. Nichts in diesem Wald ist mehr, wie es 40 Jahre lang gewesen war.
Der Steinpilz gedieh in verschiedenen Milieus Was hat er sich vor Pilzlasten lange Arme geholt. Denn es waren traumhafte Steinpilz-Wälder. Und das Charakteristische waren die völlig unterschiedlichen Milieus, in denen der Steinpilz sich hier auswachsen konnte.
So pflegt Dieter Sdun, der sich hier unbeobachtet fühlt, durch den Wald zu gehen. In tiefer Zufriedenheit über den guten Fund lächelt er milde.
Es begann, manchmal schon Ende Mai, zuverlässig mit den Sommer-Steinpilzen an seinem Lehmweg. Hier wuchsen sie immer mit den Espen-Rotkappen um die Wette. Dabei gab es an dem Weg gar keine Espen. Scheinbar reichte das Pilzgeflecht von den Silberpappeln vom Teich bis hier herüber.
Hier findest Du einfache leckere Steinpilz-Gerichte
Die Sommer-Steinpilze gedeihen nach seinem Eindruck gerne dort, wo sich alte Hainbuchen unter Rotbuchen mischen. Manchmal ist auch eine Eiche mit im Spiel. Zwei Mal hat er an einer solcher Stellen sogar den Bronze-Röhrling gefunden, auch Schwarzer Steinpilz genannt. "Man sieht die großen Steinpilze schon aus zig Metern" Boletus edulis machte ihm an ganz unterschiedlichen Plätzen die Aufwartung. „Im Buchenhochwald sieht man die großen manchmal schon auf zig Meter Entfernung“, sagt Dieter Sdun. „Und dann muss man drum herum alles gut absuchen.“ 30, 40 weitere hat er oft, manchmal gar bis zu 60 weitere im näheren Umkreis gefunden. Dann war da das Fichtenwäldchen. Steinpilze aus der Monokultur also. Auch die gab es üppigst. Hier entstand übrigens das Photo für das kreisrunde Logo oben links auf dieser Website: Steinpilze im Mooshäuschen, das nur nach einer Seite hin offenstand.
Auch das ist Dieter Sdun: Freundlich zeigt er einem Mädchen aus der Nachbarschaft seinen Pilzfund. Tatsächlich kommen die Kinder gerne angelaufen, wenn er mit seinem Auto aus dem Wald zurückkehrt.
Angrenzend im Wäldchen der Jungeichen begann der Steinpilz ebenfalls Fuss zu fassen. Von hier aus marschierte Dieter Sdun weiter, immer durch den Hochwald, bis hin zu idyllischen Graswegen. Herrliche Steinpilze fand er hier, manchmal mitten auf dem Weg. "Wichtig für ein gutes Pilzjahr ist der Frühlingsregen" Dieter Sdun ist pensionierter Mittelschullehrer. Das mag erklären, dass er sich mit Pilzaufkommen seit langem über das gewöhnliche Maß hinaus befasst. So hat er herausgefunden, dass ergiebiger, nicht zu kalter Dauerregen im zeitigen Frühjahr ganz maßgeblich für gutes (Stein-)Pilzaufkommen im Herbst ist.
Es sind also nicht nur die tagesaktuellen Herbstschauer, die üblicherweise als einleitend für eine Pilzschwemme erachtet werden! Und da haben es die Pilze im Staatsforst von Ziegelroda nicht leicht. Denn dieser Wald im „Regenschatten“ des Harzes gehört zu den niederschlagsärmsten Wäldern Deutschlands überhaupt. Heiße Wochen begünstigen eine Steinpilz-Schwemme Und Dieter Sdun hat noch etwas anderes herausgefunden: Wenn ergiebige warme Regenschauer auf mindestens zweiwöchige hochsommerliche Temperaturen (möglichst über 30 Grad) folgen, "explodiert" das Steinpilz-Aufkommen regelrecht. Seit vier Jahrzehnten hält Dieter Sdun nach jedem Pilzgang jeden gefundenen Pilz protokollarisch fest. So hat er einen dokumentarischen Überblick zu Jahrzehnten Pilzaufkommen im Forst von Ziegelroda.
Auch eine Nachbarin ist herbeigekommen und bestaunt den frischen Fund. Dieter Sdun hat die Steinpilze auf einem Bretterstapel ausgebreitet. Gleich wird er mit dem Putzen beginnen...
Am 9. Dezember fand er noch drei Steinpilze Was wie ein schnöder Zeitvertreib anmutet, erweist sich bei näherem Hinsehen als aufschlussreiche Lektüre. So brachte das Pilzjahr 2000 mit späten(!) Frühjahrsschauern einen Rekord-Spätherbst: „Da habe ich vom 1. November bis zum 9. Dezember gut drei Zentner Steinpilze gefunden. Das Laub war runter von den Bäumen, kein Mensch war mehr im Wald. Die letzten drei Steinpilze fand ich noch am 9. Dezember. Diese Wochen waren ein einziges Fest. Viele der Pilze habe ich getrocknet. Es war ein kurioses, ein unvergessliches Jahr.“
Ob er ein vergleichbares noch einmal erlebt, erscheint fraglich. Denn sein traumhaftes Revier, das ihm Steinpilze in allen Arten und Variationen über Jahrzehnte märchenhaft vors Auge stellte, ist schwer angeschlagen. Noch hofft er, dass die anhaltende Trockenheit verantwortlich ist für das Ausbleiben der Stein- oder Herrenpilze, wie sie auch heißen. Dennoch, die Bitternis ist da: „Bis vergangenes Jahr war ich in der Pilzsaison jeden Tag – bis auf den Sonntag – im Wald. Zum ersten Mal seit 40 Jahren gehe ich nur noch ein, zwei Mal die Woche raus.“ 
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