Morcheln sind die schlausten Pilze - doch Karl Berchtold ist noch schlauer
Morcheln sind seine große Leidenschaft. „So manches Jahr, da zuckte bereits Ende Februar mein linker Fuss im Bett. Und ich dachte: Sollen sie wirklich schon da sein, meine Morcheln?“ Karl Berchtold aus Gauting in Oberbayern, geboren 1939, hat eine untrügliche Witterung für Pilze. Vor allem für seine Lieblinge: Morchella esculenta und Morchella conica. Speisemorchel und Spitzmorchel, sie treiben das vielleicht perfekteste Versteckspiel aller Pilzarten. Schärfste Augen verlangen sie vom Sammler. Und sind immer noch kaum erkennbar. Aus fahlem, verdörrtem Gras lugen sie mit ihrem ulkigen Spitzhut im hellen Gewand hervor. Auf Fichtenmulch hingegen tarnen sie sich vorzugsweise im dunkelbraunen Rock. Vor dem öden Grau zementierter Mauern verstecken sie sich wiederum im unscheinbaren graphitfarbenen Mäntelchen.
So schnell entgeht Karl Berchtold keine Morchel. Da können sie sich noch so spitzbübisch verstecken. Oft scheinen sie Knollen zu sein. Oder Wurzeln. Oder eingerollte Blätter, abgebrochene Äste, ein spitzer Hundehaufen... „Diese Pilze sind wahre Meister der Mimikry“, weiß Berchtold. Also Meister im Tarnen.
Doch bei Berchtold stoßen sie mit ihrem Versteckspiel an die Grenzen. Denn seit gut drei Jahrzehnten entgeht dem geschulten Blick des Meisters kaum eine Morchel. Sogar unter dem Schnee konnten sie sich nicht vor ihm verbergen. Eine winzige Hutspitze verriet die Morcheln im Schnee Vor gut 20 Jahren habe er „schon Ende Februar so eine Ahnung gehabt, dass sie da sein könnten“. Bei seinem Inspektionsgang bestätigte sich der Verdacht: „Eine einzige kleine Spitze verriet mir die anderen, die sämtlich noch unter der Schneedecke verborgen waren.“ Seither ist Berchtold schon früh im Jahr hellwach.
„Morchelsuche ist die heikelste, jedoch auch die heiterste Pilzlese“, versichert er. Egal ob im Schnee oder bald darauf in Gras und Mulch: „Die Suche nach ihnen erfordert fast ein kriminalistisches Gespür. Aber genau dieses Spiel liebe ich.“ Bis weit in den April hinein treibt ihn ihr stillberedtes, vorwitziges „Find´ mich doch!“ hinaus. Denn diese Kobolde mit den putzigen Zipfelmützchen zählen zu den wesenhaftesten Pilzen überhaupt. Die Morcheln und Berchtold - da haben sich wirklich Zwei gefunden! Ganze Morchel-Regimenter - mitten in der Ortschaft Als er sie zum ersten Mal mitten in der Ortschaft entdeckte, „da konnte ich das zunächst einmal nicht glauben“. Sie wuchsen im Fichtenmulch, der zum Schutz gegen Unkraut auf Rabatten ausgestreut war. „Sie sind noch schlauer, als ich dachte. Morcheln wachsen da, wo sie kein Mensch vermutet, nämlich beim Bürgermeister unterm Fenster“, sagte er. Mit ihrem napoleonischen Schachzug - nur kühn hinein mitten ins Feindesland! - hatten sie bei ihm den höchsten Respekt aller Pilze gewonnen. Und das will was heißen. Denn Karl Berchtold, das ist ein nicht minder begnadeter Künstler in puncto Raffinesse und Gefechtsplänen. Vielleicht ist er das, was man eine alte Pilzsammlernatur nennt. Man sollte ihn nur einmal genauer betrachten. Verschlagen blitzen seine lebhaften Augen. Mit Vorliebe verbergen sie sich im Halbdunkel der Hutkrempe. Weil sie nicht verraten wollen, dass er etwas ausbrütet? Oder ist es schon wieder so weit, dass er Vorsätze für Angriffe fasst?
Ein guter Erntetag: Karl Berchtold aus Gauting im Landkreis Starnberg/Obb. mit üppig gefülltem Korb frischer Morcheln. Wenn die Forsythien zu blühen beginnen, ist es meist Zeit, um auf die Morchelsuche zu gehen.
Grund gäbe es genug. Denn vor allem im Herbst ist die Konkurrenz aus München, die in die stadtnahen Wälder ausschwärmt, fast zur Plage geworden. Doch Berchtold wehrt sich auf seine Art. Und zwar mit List und Lust. Listig legt er falsche Fährten für die Konkurrenz Einer seiner schärfsten Feldzüge fand statt an einem Samstag im September 2002. Da radelte er bereits im Morgengrauen mit einem Korb voller Steinpilzabfälle auf dem Gepäckträger in den Wald. Emsig warfen seine knochigen Fingerchen, die Kuppen vom nächtlichen Putzen noch pechschwarz, den Abfall dort aus, wo die Pilze – natürlich! – nicht gewachsen waren. Sollten die Rivalen vor Neid platzen... „Meinetwegen können sie sich an der alten Buche aufhängen“, knurrte er fast erwartungsfroh. Und grantelte noch: „Zu gerne kippe ich meinen Steinpilzabfall auch direkt neben ein Fahrrad, das ein Konkurrent im Wald abgestellt hat.“
Karl Berchtold kann auch Steinpilze: Mit Biss und Geschick verteidigt er seine Reviere. Er scheut sich auch nicht, weite Wege in Kauf zu nehmen. So sucht er auch auf der Schwäbischen Alb und in der Lausitz.
Schier unbegrenzt ist sein Maßnahmenkatalog: „Wenn ich aus dem Wald trete, lege ich auf meinen Korb gerne einen großen Fliegenpilz und drum herum die Furcht erregenden Grünspanträuschlinge. Da haben die Leute erstens was zu gackern. Und zweitens unterschätzen sie mich. Was Besseres kann mir gar nicht passieren.“ Wenn er so Gift und Galle speit, wirken die silbernen Bartstoppeln um seine knochigen Kinnpartien und seinen Hals hinunter bedrohlich wie Stacheln. Seine Backenzähne mahlen kampflustig aufeinander. Pilzsuche ist für ihn der alte Überlebenskampf Für Berchtold ist der Wettstreit in den Wäldern die Zuspitzung des uralten Überlebenskampfes. „Die Pilzsuche ist vielleicht der letzte natürliche Reflex des Selbsterhaltungstriebes“, sagt er. In ihr würden sich noch Gepflogenheiten des Räubertums von Gerissenheit bis hin zum Diebstahl entfalten. „Dabei ist der eine heute Täter, morgen das Opfer."
So habe er einmal einer erfahrenen Sammlerin aus dem nahen Stockdorf den Fußweg zu ihrem angestrebten Steinpilzplatz unbemerkt ablaufen können. Den stattlichen Fund habe er gerade noch rechtzeitig ernten können, um sogleich aus sicherem Versteck triumphierend Zeuge ihres unbändigen Fluches zu werden. Einem im Dickicht kriechenden Rivalen legt Berchtold schon mal einen Steinpilz oder Parasolpilz auf den Fahrradsattel. „Der ist dann verunsichert, ob ich es gut meinte oder ihm eine lange Nase zeigen wollte. Soll er man grübeln.“ In einem konkreten Fall habe Berchtold mal einen langjährigen Konkurrenten dabei beobachtet, wie er kräftige Grashalme geschnitten und alle paar Meter quer über einen Pfad am Rand einer Fichtenschonung gelegt habe.
Vielsagender Blick: Wenn's um "seine" Pilze geht, ist Karl Berchtold mit allen Wassern gewaschen. Den urigen Hut hat ihm sein verstorbener Schwammerl-Freund Norman geschenkt. Berchtold hat ihn einmal in einer Fichtenschonung vor lauter Pilzeifer verloren - und Jahre später wiedergefunden. Der Hut war unversehrt. Das gute Stück ist rund 65 Jahre alt.
Beste Morcheln - direkt neben dem Obstladen „Seit dem Tag habe ich alles daran gesetzt, ihm die Steinpilze immer wegzuschnappen. Dabei habe ich peinlich darauf geachtet, dass ich ja seine Grashalme nicht berührte. Keiner da, alle Pilze weg: der muss verrückt geworden sein.“ Anders herum habe es aber auch ihn selbst schon hart getroffen. So sei ihm einmal im Beisein seiner damals noch kleinen Kinder ein arglos abgestellter Korb voller Morcheln geklaut worden: „Lump, niederträchtiger!“ fluchte er abends an seinem Stammtisch. Doch das Malheur hat sich spätestens ausgeglichen, seitdem er seine geliebten Morcheln in den Städten findet. Denn Berchtold war garantiert einer der ersten, der diesem Phänomen auf die Spur kam. Und traumhaft fette Beute machte. „Wenn man unter den Fenstern eines China-Restaurants 30 Zentimeter große Morcheln findet, ist das schon toll. Wenn dann noch der Obsthändler gleich nebenan das Kilo für 65 Euro anbietet, dann war es gewiss kein schlechter Tag im Leben eines Pilzsammlers“, lächelt Berchtold schelmisch. 
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