„Der Maronenroehrling kommt
gleich nach dem Steinpilz“



Peter Rohland ist ein Jäger von Maronenroehrling und Steinpilz. Die Stellen, an denen der Mann aus Sangerhausen in Sachsen-Anhalt sie findet, nennt er „Flecken“. Wenn er in Richtung seiner „Flecken“ fährt, begegnet er fast romantischen Namen: „Mooskammer“, sagt er, heiße das Revier seitab.

Kurz darauf fährt sein silberner Opel Astra durch das „Kalte Tal“. Die Ortsschilder weisen in Dörfer wie Harzgerode, Blumerode, Hainrode, Stiege und Tanne. Es sind Namen, die nach Wäldern duften. Und nach Pilzen.

Denn mal raus aus dem Auto, von den Halbschuhen in die Gummistiefel, die blassgrüne Feldjacke drüber gezogen, den moosgrünen Filzhut mit der Habichtsfeder aufgesetzt, ein abschließender Griff in den Kofferraum zum Weidenkorb.



Foto links: Unterwegs im Südostharz: Peter Rohland hat den Korb voller Maronenroehrlinge. Den größten Teil davon wird er trocknen.




Und auch das muss sein: qufbrausend nimmt er Anstoß an der wilden Mülldeponie einschließlich Altbatterie, die „irgendwelche Idioten“ direkt neben der Ruhebank abgekippt haben.

Bis Stolberg im Unterharz sind es etwa fünf Kilometer; ein paar hundert Meter weiter thront über der Fichtenschonung, die er sich nun vornehmen wird, in 580 Metern über Normalnull das Josephskreuz auf dem Großen Auer-Berg.

Peter Rohland wurde eine gute halbe Autostunde von diesem „Pilzflecken“ am 9. Oktober 1939 geboren. Blankenheim heißt das Dorf an der B 80 am östlichsten Zipfel des Südharzes, das ihn bis zum 25. Lebensjahr behütete.



Pilze waren ein ersehntes Zubrot

Damals hatte es noch rund 1800 Einwohner. Sie lebten von Kupferbergbau, Getreide-, Kartoffel- und Rübenanbau. Überwiegend Bergarbeiter und Bauern fanden auf der fetten Erde der Harzausläufer ihr Auskommen.

Der Vater, gelernter Kaufmann, war Angestellter bei einem Getreidesilo-Betrieb. Die Mutter, gelernte Näherin, steuerte in den harten Nachkriegsjahren das Übrige bei, um Tochter und Sohn durchzubringen.


Herzhafte Rezepte mit Maronenroehrlingen

Der Maronenröhrling zählt zu den besten Würzpilzen

Krebsrisiko Maronenröhrling? Ein Beitrag zu einer Beruhigung

Ein herrschaftlicher Ofen für die Maronengerichte (Fortsetzung des Porträts über Peter Rohland)


„Sie nähte uns Hosen, Mützen und Schirmmützen, fertigte sogar Holzschuhe für uns alle“, so Peter Rohland. In den entbehrungsreichen Jahren sei man angewiesen gewesen „auf ein bisschen Kleingeld. Alle Menschen strebten nach einem kleinen Zubrot.“

Wie für so viele wuchs ein begehrtes Zubrot auch für die Rohlands in den Wäldern. „Pilze“ hieß die ersehnte Schwammspeise, nach der die ganze Region etwa ab dem Monat Juni geschmachtet habe.

„Schon früh morgens machten wir los, meist Mutter und ich, manchmal auch die Oma. Vater hatte es nicht so mit den Pilzen wie die Mutter. Mit unseren Körben gingen wir das Stück zu Fuß in den Wald.“


Foto: Wenn sich die Wälder bunt verfärben, hat der Maronenröhrling seine hohe Zeit. Peter Rohland ist hier mit einem Eimer unterwegs - notgedrungen: „Die Umstände erforderten es ausnahmsweise.“


Der Korbmacher schenkte ihnen Pilzkörbe

Allein schon die Körbe waren ja ein getragenes Stückchen Wald. Der Korb- und Reisigbesenmacher Helmbold gleich um die Hausecke flocht die Weidenruten aus der Dorfumgebung zu Körben und Kiepen. „Es war selbstverständlich, dass man bei ihm kaufte. Wenn er die Prachtstücke, freigebig wie er war, nicht verschenkte.“



„Die Umquartierten“, wie Peter Rohland die Vertriebenen aus dem Sudetenland, Pommern und Ostpreußen nennt, hätten eine ganz neue Breite der Artenkenntnis in die Region gebracht.

„Während meine Mutter bis zum Kriegsende mehr oder weniger nur den Steinpilz, Maronenroehrling und Pfifferling suchte, begannen wir nach dem Krieg, systematisch weitere Pilzarten zu sammeln: Täublinge, Hallimasch, Perlpilze, den Violetten Ritterling und den Nebelgrauen Trichterling, dazu mit Leidenschaft Rüblinge.“




Foto rechts: Und wieder ein Maronenroehrling. Der Eimer ist fast voll. Noch ein paar Mal in die Hocke, und Peter Rohland hat's für heute geschafft...




Die Böhmerwaldler brachten ein großes Pilz- und Sammlerflair

Die Namen der Pilze sind unauslöschlich geblieben, die ihrer Überlieferer aber sind verblichen: „Ich kenne die Leute nicht mehr, die die Einheimischen eingewiesen haben. Es waren vor allem die Sudetendeutschen, die unsere Pilzkenntnis um einiges erweiterten. Vorrangig mit den Böhmerwaldlern kam ein neues, großes Sammlerflair in die Wälder.“

Die Familie Rohland befriedigte mit der Suche bis dahin unbekannter Arten gezielt das veränderte Kaufverhalten auf dem Marktplatz in Halle an der Saale. Es war damals die mit Abstand größte Pilzbörse der Region. Denn: „Wir suchten Pilze nicht nur für unseren eigenen Tisch, sondern wir belieferten vor allem den Markt in Halle“, so Peter Rohland.

Her mit dem Maronenroehrling, zentnerweise! Während der Vater die schwammige Fracht anfangs im Zug noch persönlich in das 48 Kilometer entfernte Zentrum brachte, wurde zu Beginn der 50er Jahre im Blankenheimer Bahnhof eine Sammel- und Transportstelle extra für Pilze eingerichtet. Sie machte die zeitraubende Fahrt überflüssig.


Bild: Peter Rohlands Erinnerungen decken sich zumindest teilweise mit diesem Motiv: Annahme bzw. Anlieferung der Pilze bei der Eisenbahn. Reinhold Barkhoff aus Bonn hat dieses Szenario in einer lauschigen Illustration eingefangen. Das Bild hat einen geschichtlichen Hintergrund. Barkhoff stammt aus dem Alten Amt Westerhof (Südniedersachsen), in dessen Bereich ab 1901 die Kreisbahn Osterode - Kreiensen verkehrte. In Katzenstein bei Osterode gab (und gibt) es die Champignonzucht Abel. Die in Dosen eingekochten Pilze wurden direkt vor dem Zuchtbetrieb an die Bahn übergeben. Auszubildende Mädchen, die von der "Puddingsschule" genannten Hauswirtschaftsschule in Osterode heimfuhren, wurden vom Zugschaffner gebeten, auf die Pilzkisten aufzupassen. Beliefert wurden u.a. Karstadt und Edeka.


Die Pilzannahme war rund um die Uhr geöffnet

Rohland: „Die Annahmestelle war rund um die Uhr geöffnet. Meist nahm mich Vater mit. Wir lieferten dort auch spät abends oder sogar noch in der Nacht unsere Pilze ab. Sie wurden gewogen und Vater in bar ausgezahlt. Das war ein überaus wertvolles Zubrot. Dann zog der Mann die Fracht in einem Handwagen auch gleich zum Waggon, wo die Pilze verstaut wurden.“


Foto: Welcher Pilzsammler kennt das nicht: Der Weg zurück zum Auto ist weit. Es ist warm. Rohland hat die Jacke geöffnet und ist froh, wenn er die Birnenbäume endlich hinter sich gelassen hat...


Es war der Höhepunkt einer Zeit, in der Pilze aus heimischen Wäldern durchaus eine volkswirtschaftliche Bedeutung besaßen: „Die Leute an den Marktständen warteten ungeduldig auf jeden Pilz. Sie haben alles abgenommen, was angeliefert wurde. Steinpilz und Maronenroehrling waren natürlich besonders gefragt.“

Aber noch etwas anderes als nur Namensüberlieferungen führten die Pilzkenner aus den Flüchtlingsgebieten ein: „Sie brachten die Einlegeküche mit.“ Das klingt, als hätten die Böhmerwaldler am südöstlichen Harzrand die Einbauküche eingeführt. In Wirklichkeit meint er, dass sie die Einheimischen darin unterwiesen, wie man Pilze süßsauer einlegt.




Foto links: Ein Anblick, der das Herz von Pilzsammlern höher schlagen lässt: Maronen in bester Qualität im satten Moos (© Karin Jähne - Fotolia.com)




"Wir lernten, Pilze süßsauer einzulegen"

„Das kannte bis dahin kein Mensch bei uns. Auch wir haben das, wie viele andere, übernommen.“ Ganz unproblematisch aber sei das Verhältnis zu den neuen Lehrmeistern nicht gewesen.

„Manche Böhmerwaldler beanspruchten aufgrund ihrer guten Pilzkenntnis die Pilzreviere ganz für sich. Die haben uns manchmal sogar rausgeschmissen aus dem Wald. Dann bin ich auf eigene Faust losgezogen und habe mir neue Reviere erschlossen.“

Während Peter Rohland von den ersten Tagen seiner Pilzlese erzählt, feiert er in der Fichtenschonung im „Kalten Tal“ – ist er sich dessen bewusst? – ein rundes, stolzes Jubiläum: Seit 60 Jahren durchstreift er nunmehr die Wälder des Unteren, also des südöstlichen Harzes, nach Pilzen. Sommer für Sommer, Herbst für Herbst.



Foto rechts: Jetzt wird umsortiert: Peter Rohland ist an seinem Gartenhäuschen angekommen. Er trennt die Maronenroehrlinge, die er gleich braten wird, von denen, die er zu Hause trocknen möchte.




Nur leise, dass die Zweige nicht knacken

Seit 60 Jahren also, das darf man sich ruhig mal ausmalen, dieser erwartungsvolle, diebisch sichernde Blick, diese witternde Spürnase, dieser federnde Duck- und Schleichschritt: flink und dennoch geräuschlos vorankommen, ohne verräterisches Knacken der auf dem Boden liegenden Zweige, das ist sein Ding. Er mag es leise und ganz heimlich.

O ja, die Röhrlinge prangen und lachen an diesem Tag, dass es eine Pracht ist. Es herrscht ein Strotzen und ein Aufschießen. Es ist kein Pilzmarsch - es ist ein Pilzzug. Kein Innehalten, stattdessen Ernte und Ekstase. So etwas wie heute kommt nur alle Jubeljahre einmal vor. Die Fichten bilden die düstere reglose Kulisse zum ausgelassenen Tanz der Pilze allüberall.

"Ja nicht die Pilze unter den Nadeln zerdrücken"

Und Peter Rohland wird dazu abends, zu Hause, noch fast benommen vom freudigen Schwindel, sagen: „Das sind Momente im Leben eines Pilzsuchers, in denen es zur Besessenheit wird. Ich sage dann immer zu meinem Sohn: Ja nicht den Korb absetzen! Du könntest sowohl Steinpilze als auch Maronenroehrlinge unter der Nadelstreu zerdrücken, mein Junge.“


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