Lorcheln sind kulinarische Solisten:
Groß sind sie ganz ohne Beigaben



Lorcheln und die Suche nach ihnen...

Wer kennt es nicht: jahrelang will es einem partout nicht gelingen, ersehnte Pilzarten zu finden. Hat man sie aber erst einmal entdeckt, so scheinen sie einem ab diesem Tag förmlich über die Füße zu laufen.

Indes, ganz so anziehend wirken wir Menschen am Ende vielleicht doch nicht auf Pilze. Man muss sie nur erst einmal in ihrer angestammten Umgebung gestellt, fixiert haben. Denn sobald wir ihre „Wohnsitze“ (Mykotope) verinnerlicht haben, können wir ihre möglichen Standorte viel zielstrebiger und erfolgversprechender ansteuern.

Zwei Lorchel-Arten lernte ich – nach langer vergeblicher Suche - auf genau diese Weise kennen. Und schätzen: Die Herbstlorchel (Helvella crispa) und ihre engste Verwandte, die Grubenlorchel (Helvella lacunosa). Letztere fand ich übrigens erstmalig, als ich gezielt auf der Suche nach ihren hellen Geschwistern war.


Foto: Gesellschaft von Herbstlorcheln. Ihre Stiele sind längsfurchig-grubig und kantig sowie innen gekammert und hohl. Sie standen ohne erkennbaren symbiotischen Zusammenhang im Gras. Der nächste Baum, eine Rotbuche, befand sich cirka 30 Meter entfernt. Dennoch erkenne ich bei ihnen eine deutliche Neigung zu Haselsträuchern und zu Birken. Sie wachsen gerne an Strauchreihen, wie man sie auf alten Parkfriedhöfen, auf Parkplätzen, am Rande von Schrebergartensiedlungen oder entlang innerstädtischer Bahnlinien findet.


Warum ordne ich die Zwei aber meinem Kapitel „Morcheln“ unter?

Ein kleiner Ausflug in die Systematik der Pilze mag es erklären. Die Gattung Lorcheln gehört, wie die Gattung Morcheln, zur Ordnung Pezizales innerhalb der Schlauchpilze (Ascomyceta).

Die Familie der Lorchelartigen (Helvellaceae) hat mit der Familie der Morchelartigen (Morchellaceae) gemeinsam, dass sie hohle Fruchtkörper bilden, die sich in Stiel und Kopf gliedern.

Ihr Unterschied: Der Kopf einer Lorchel ist becherförmig, sattelförmig oder herabgeschlagen. Der von Morcheln ist hingegen wabenartig gegliedert.





Foto: Die Grubenlorchel ist kleiner als die Herbstlorchel. Während letztere bis zu 15 Zentimeter hoch werden, schaffen es ihre dunklen Geschwister nur bis zu etwa 8 Zentimeter. Sie variieren erheblich in der Farbe, können von blaugrau mit Violetteinschlag bis zu tiefschwarz werden. Geschmacklich neige ich mehr zur Herbstlorchel.


In meiner Pilzpfanne lasse ich solcherlei theoretische Betrachtungen nur allezu gerne dahinschmelzen. Und zwar in Butter. Genau und nur die wünschen sich die mild schmeckende Herbst- und Grubenlorchel. Auf kleiner Flamme mögen sie nun eine Ahnung von Knusprigkeit bekommen – und raus damit.

Keinen Pfeffer, kein Salz! Keine Beigabe! Nichts, gar nichts! Es gibt Pilze, die beanspruchen für sich einen kulinarischen Solistenstatus. Sie wünschen weder Würze noch Beigaben oder Beilagen. Punktum.





Herbst- und Grubenlorchel bringen keine Pfunde auf die Küchenwaage. Quantitativ sind sie Leichtgewichte, doch geschmacklich ein "Pfund". Ein Highlight, das für sich steht und auch so stehen bleiben möchte.

Ein meist unverhoffter, wunderbarer Wald- und Wiesengruß für den Gaumen: fein und mild, elegant und ausgewogen. Und nach wie vor alles andere als alltäglich. Mögen mir diese originellen, putzigen Mützenwesen gerne immer öfter über die Füße laufen.

Achtung: Es gibt Menschen, die eine Überempfindlichkeit gegenüber der Herbst- und Grubenlorchel haben. Sie äußert sich mit (meist leichten) Magen- und Darmbeschwerden. Wer diese Pilze erstmalig isst, sollte seine Resistenz mit zunächst nur geringer Menge testen.


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