Der Duft vom Steinpilz




Fortsetzung des Porträts

über Dieter Sdun

Die Suche nach Steinpilzen bestimmte von Kindesbeinen an das Leben von Dieter Sdun. Tausende Stunden verbrachte er im Wald. Zuhause liest der Lehrer a. D. russische Pilzbücher - und übersetzt Pilz- und Waldliteratur aus dem Russischen ins Deutsche.

Doch Hand aufs Herz: Kann das die erlebte Pilzsuche ersetzen?

Siehe nur das Photo. Ein kühler Herbstmorgen. Die ersten Sonnenstrahlen vergolden den Laubwald. Was gibt es da Schöneres, als an einem stillen Tümpel im Forst von Ziegelroda einen Steinpilz zu schneiden?

Dieter Sdun wurde am 25. Januar 1943 in Königsberg/Ostpr. geboren. Auf abenteuerlicher Flucht, die genau am Tag seines zweiten Geburtstages begann, gelangte er von Königsberg über Dänemark ins Erzgebirge.

In seiner neuen Heimat, Reichenbach im Erzgebirge, bedeutete dem Fünfjährigen die Pilzsuche alles, die von Beeren fast nichts: „Pilze suchen war für mich so spannend wie die Ostereiersuche. Bei jedem entdeckten Pilz gab es einen Freudenschrei.“

Als Neunjähriger ging er bereits auf eigene Faust los: „Mein Pilzrevier war der Oberwald bei Hohenstein-Ernstthal, in dem die Karl-May-Höhle liegt. Der Wald dort war wie geleckt. Es gab weder Tannenzapfen noch Reisig noch Zweige auf dem Boden. Die Leute waren hinter allem her, was nur irgendwie verwertbar war.“



Die Familie Sdun selbst fuhr mit dem Bollerwagen in den Wald und riss Baumstümpfe zum Heizen aus. Noch vor Ort wurden sie zersägt und gespalten. Zuhause wurde die Beute ofenfertig zerhackt und auf den Boden geschafft. Dieter: Mein Vater sagte immer: „Bevor das Holz die Wohnung wärmt, war uns schon fünf Mal richtig warm.“

Der Bäcker trocknete Steinpilze im Backofen

Der Vater arbeitete in einem Dorf mit dem putzigen Namen Kuhschnappel. Und zwar als Lagerist in der Vollkorn-Bäckerei Floßmann. Dorthin brachten die Leute ihre Steinpilze, die sie bereits zu Hause der Länge nach in Scheiben geschnitten hatten.

Noch heute schwärmt Dieter Sdun: „Der Bäcker legte sie auf Kuchenbleche und schob sie zum Trocknen in den Backofen. Die ganze Backstube, die ganze Bäckerei duftete nach Steinpilzen. Selbst ums Haus herum duftete es nach Steinpilzen. So was Herrliches! Bis heute habe ich diesen wunderbaren Duft in der Nase.“



Foto rechts: Wie viele solcher Pilzkörbchen mag Dieter Sdun in seinem Leben schon verschenkt haben? Er weiß es nicht mehr. Doch eines steht fest: Sein großer Freundeskreis in Dornstedt kommt nie zu kurz, wenn er, wie fast immer, mit guter Ernte aus dem Wald zurückkehrt.




Seine Mutter war Waldarbeiterin. Sie hat gepflanzt, Lichtungen ausgeforstet und mit der Sense gemäht, Bäume geschnitten und Schutzzäune gesetzt. „Im Sommer und Herbst ist sie oft mit Pilzen nach Hause gekommen.“

Die Arbeit am Holz als körperliche Erfahrung mit dem Wald, der Pilzduft in der Bäckerei als sinnliches und die Pilzernte der Mutter als kulinarisches Erlebnis: Dieter Sdun haben sich Wald und Pilze auf mancherlei Weise in Leib und Seele eingegraben.

„Meine Liebe zum Wald und speziell zur Pilzsuche war von Kindesbeinen an da und ist durchgehend geblieben. Meine Jugend- und Erwachsenenjahre verbrachte ich sonnabends und sonntags grundsätzlich im Wald.“

Die Ostpreußen nannten den Tannenreizker "Sauchen"

Was die Familie Sdun an Pilzen suchte, überbot das Sammelsortiment im Erzgebirge. „Den Hallimasch, den wir in Ostpreußen 'Stubbling' nannten, kannte im Erzgebirge keiner. Die Suche nach ihm haben erst wir eingeführt.

Außerdem suchte ich als kleines Kind noch das ‚Sauchen’, wie die Ostpreußen den Tannenreizker nannten. Heute gilt er in der Literatur als stark ungenießbar. Wir haben ihn aber wie selbstverständlich gegessen.“

Steinpilze standen bei der Pilzsuche ganz oben. Auf Pfifferling und Marone folgte sogleich der Perlpilz: „Den haben die Dorfbewohner fälschlicherweise ‚Zigeuner’ genannt. Bis heute esse ich den Perlpilz unheimlich gerne. Ich würde nie einen Perlpilz stehen lassen,“ versichert Dieter Sdun.

Grauer Wulstling, Rotfußröhrling, Ziegenlippe und diverse Champignon-Arten komplettierten das Speiseangebot.



Foto links: Auch die Liebe zum Perlpilz aus frühen Kinderjahren ist geblieben: Stolz zeigt Dieter Sdun im Fichtenwald seine Herbstmischung. Die Perlpilze bekommen unter Goldröhrlingen und Maronen den Ehrenplatz ganz oben.




Statt Förster wurde er Lehrer

Während seine Eltern weiterhin in Reichenbach wohnten, ging Dieter Sdun für vier Jahre nach Lichtenstein bei Zwickau auf die Schule. Dort machte er 1961 sein Abitur. „Ich wollte Förster werden. Doch dafür hätte ich drei Jahre als Waldarbeiter arbeiten, dann drei Jahre bei der Armee dienen und danach studieren müssen. Das war mir zu langwierig.“

So studierte er bis 1965 Russisch und Geschichte in Leipzig für das Lehramt der Klassen fünf bis 12. Mit 22 Jahren begann sein Berufsleben als Lehrer in Dornstedt bei Querfurt in Sachsen-Anhalt.



„Damals ahnte ich noch nicht, dass der Staatsforst von Ziegelroda meine neue Pilzheimat werden würde und dass man dort später die berühmte Himmelsscheibe von Nebra finden sollte.“

Einen gänzlich anderen Wald als im Erzgebirge habe er hier vorgefunden: „Für den Wald von Ziegelroda ist der Anteil von 83 Prozent Laubwald charakteristisch. Für die Pilzsuche bedeutete das eine erhebliche Umstellung. Der Boden ist kalkhaltiger und fruchtbarer, die Artenvielfalt viel größer. So erschloss ich mir viele neue Arten, was mir großen Spaß machte.“

Sein Moped verweigerte beharrlich den Pilz-Transport

Jahrelang fuhr er die 20 Kilometer in den Wald mit seinem Moped. „Das war eine S50. Aber was für `ne Klapperkiste! Die wollte nie anspringen. Am liebsten streikte sie, wenn ich einen vollen Sack Pilze auf dem Tank und den Rucksack voller Pilze hatte. Schieb dann mal so eine Krücke an… Und dann kriegste mit verschwitztem Unterhemd bei 70km/h vollen Zug.“


Foto: Da haut's einen doch glatt um: Dieter Sdun mit Steinpilzen, groß wie im Märchenland. Aus den überständigen Prachtexemplaren gewann er noch Pilzpulver.


Mit den Schul-Direktoren in die Pilze

Mit diesem Vehikel klapperte er auch diverse Schulen ab, die er als Fachberater für den Russischunterricht besuchte.

„In Ziegelroda und Osterhausen wurden die Schulen von Direktoren geleitet, die leidenschaftliche Pilzsammler waren. Jedes Mal, wenn ich kam, sagten sie: ‚Ach Dieter, lass uns man erstmal in den Wald gehen.’ Dann haben wir zusammen Pilze gesucht. Wenn ich daran denke, muss ich fast heulen, so herrliche Stunden, so herrliche Zeiten waren das.“

Er wurde Mitglied des Mykologenvereins, wo er die so genannte Rote Karte erwarb, die offiziell „Prüfungs-Nachweis für Pilzkundige“ hieß. Jedes Jahr musste man sich erneut prüfen lassen, „sonst durfte man keine Pilze abgeben. Die gute Fachkenntnis trug erheblich dazu bei, dass es nur ganz wenige Pilzvergiftungen in der DDR gab. Das war eine gute Sache.“

Dieter Sdun verkaufte gegen Vorlage des Roten Scheines an den „Konsum“ in Querfurt. Um den Bestand zu stärken, waren bestimmte Pilzarten für das Sammeln gesperrt. „Insgesamt war das ein prima System. Manche Leute kamen auch zu mir nach Hause und ließen sich beraten. Das trug mir in Dornstedt den Spitznamen ‚Waldschrat’ ein.“

Die ukrainischen Kinder liebten Pilze über alles

Weil er die russische Sprache ausgezeichnet beherrscht, hat Dieter Sdun 15 Jahre lang für drei Wochen vor allem ukrainische Kinder im Sommerferienlager Friedrichsbrunn im Harz betreut. „Wir gingen oft auf die Pilzsuche. Was hatten die Kinder eine Freude! Keines von ihnen kannte Himbeeren oder Blaubeeren, geschweige denn einen Pilz.

Und was haben die nach drei Wochen alles gewusst! Mit grenzenloser Begeisterung waren sie bei der Pilzsuche dabei, wollten die Namen der Pilze wissen, haben mit Eifer geputzt und beim Braten geholfen. Und was haben sie die Teller leer geschlabbert, vor allem, wenn es Steinpilze gab.“

Bei ähnlichen Veranstaltungen habe er das auch mit seinen Schulklassen so gehandhabt, „obwohl es Kindern in der DDR auf Freizeiten untersagt war, Pilze zu essen. Wir haben es trotzdem getan, mindestens eines der Kinder hatte immer eine Pfanne dabei.


Foto: Der Besuch am Waldkiosk gehört für Dieter Sdun nach jedem Pilzgang dazu. Die Inhaberin teilt seine Freude über den guten Fund und begutachtet einen Perlpilz.


Das hat allen Riesenspaß gemacht. Bis heute kommen ehemalige Schüler zu mir und sprechen voller Begeisterung über die damaligen Erlebnisse. Fast alle schwärmen, dass sie Pilze noch heute gerne essen.“

Für das Lehrerkollegium briet er Steinpilze in der Schulküche

So manches Mal hat er seinem Kollegium an der Realschule in Halle-Holleben in der Schulküche Steinpilze zubereitet: „Das war für alle ein Festtag. Ich kam mit dem Korb voller Steinpilze gar nicht ins Schulgebäude, so haben mich die Kinder bedrängt.“

Zahlreiche Pilznamen kennt Dieter Sdun auf Russisch; ins Deutsche übersetzt haben sie teils putzige Namen, die mit den Assoziationen der deutschen so gar nichts gemein haben.

Doch Artenbestimmungsbücher, ob in Russisch oder Deutsch, sind längst nicht alles, was er studiert. An verregneten oder ungemütlichen Wintertagen bereitet es Dieter Sdun großes Vergnügen, Pilz-, Wald- und Dorfliteratur aus dem Russischen ins Deutsche zu übersetzen. Vieles hält er fest, handschriftlich.

Er schwärmt für eine Pilz-Erzählung aus Sibirien

Damit begibt er sich sozusagen auf literarische Waldgänge und Pilzsuche, die ihm ein passabler Ersatz für seine realen Waldgänge sind. Immer wieder ergötzen kann er sich an einer mit dem Titel „Das Brot des Waldes“ überschriebenen Geschichte.

Sie erzählt, wie ein Jäger in weissrussischen Wäldern einem Dorfjungen die richtige Pilzsuche beibringt. Das Kind erfährt, bei welchem Wetter die Pilze gut wachsen, welche Tiere Aufschluss über aussichtsreiche Pilzgänge geben u.s.w. Bald ist es der weit und breit pilzkundigste Mensch...

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Allen Pilz- und Naturfreunden eine schöne Adventszeit

(Foto © Fotolia)

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