Unscheinbarer Nelkenschwindling:
»Großes Dürrbein« für edle Suppen



Der Nelkenschwindling (Marasmius oreades) ist ein Frühlingspilz wie auch ein Sommerpilz. Er ist ein treuer Wachablöser: Wenn die letzten Blassbraunen Schlehenroetlinge (Entoloma saepium) ihr Dasein fristen, Mitte, Ende Mai, steht er bereits Gewehr bei Fuß.

Das mag ein wenig soldatisch klingen, aber davon ist der Nelkenschwindlung gar nicht so weit entfernt. Nämlich deshalb, weil er oftmals in ganzen Brigaden auftritt. Ja, ganze Wiesen, Trockenrasen und Rasenflächen in Parks, Gärten und an Wegrändern, sofern ungedüngt, hält er besetzt.


Bei Regenschauern lebt er auf

Aber wie klein, scheu und schüchtern er sich auf seinem dünnen Beinchen im Grase duckt! "Großes Dürrbehndl" oder "Großes Dürrbein" hat ihn der Volksmund treffend wegen seines stricknadeldünnen Stieles getauft (siehe Eugen Gramberg, Pilze der Heimat, Band 1: Blätterpilze (Agaricaceae), 1913).


Foto: Nelkenschwindlinge sind Rasenbewohner und wachsen immer in Trupps. Und häufig in Hexenringen, wie im Hintergrund andeutungsweise zu sehen ist. Typisch sind ihre auseinander stehenden Blätter. Für die Ernte dieser zierlichen Pilze benutze ich zweckmäßigerweise eine Schere.


Wie alle Schwindlinge verfügt er über die Fähigkeit, gänzlich ausgetrocknet und verkümmert wieder aufleben und weiterwachsen zu können. Dafür benötigt er lediglich einen bescheidenen Landregen. Bei feuchtem Wetter findet man die "Großen Dürrbeine" deshalb viel häufiger.

Mit dem dunkleren, filzigen, fast hölzern-lederigen unteren Teil des Stieles trägt er eine Art Schienbeinschoner. Er ist ein einprägsames Merkmal dieses Pilzes, der allzu gerne auch in Hexenkreisen oder Reihen wächst. Ein weiteres Kennzeichen sind die dicklichen, vom Stiel entfernt stehenden, etwas helleren Blätter.

Seine zwei bis sechs Zentimeter kleinen Hütchen sind zunächst gewölbt, später flach ausgebreitet. Hutfarbe: cremig weiß und blass lederbräunlich bis ledergelb, in der Mitte kräftiger, rötlich bis bräunlich. Beide, Hut und Stiel sind zäh-elastisch. Geruch: Dominant nach Bittermandeln und flüchtig nach Gewürznelken. Insgesamt herrlich aromatisch.





Foto: Der feuchtkühle Mai 2010 hatte die erhofften Schwindlinge in Massen hervorgebracht. Das Foto veranschaulicht, dass sie in der Hutfarbe stark zwischen blassem Hellbraun und kräftigem Dunkelbraun variieren. Ältere Exemplare (z. B. hinten Mitte) bilden in der Hutmitte meist einen dunklen Kreis. Sie sind nicht nur vorzügliche Suppenpilze; sie zählen zu den besten Würzpilzen überhaupt, eignen sich vor allem zum Veredeln heller Soßen.


Elegant, fein edel: Der ideale Suppenpilz

Mandeln enthalten bekanntlich Blausäure, und der Geruch nach Bittermandeln ist ein Hinweis darauf, dass sie auch im  Nelkenschwindling vorkommt. Allerdings in derart winzigen Spuren, das uns diese Tatsache den Appetit auf diesen Pilz nicht verdrießen kann.

Er ist ein hervorragender Pilz für helle Suppen oder -soßen; in dunklen ist er fast verschenkt. Sein Aroma ist fein, edel, elegant, mild, ja lieblich, dabei immer ur-pilzig. So könnte der Nelkenschwindling beinahe als Urtyp aller Suppenpilze dienen. Den Herstellern von Pilzsuppenpulver dürfte er geschmacklich ein kaum zu übertreffendes Vorbild sein.



Foto links: Auf einem holprigen Sportplatz lernt man nicht nur gut Fußball spielen. Sondern manchmal auch, dass dort begehrenswerte Frühlingspilze wachsen. So auch unser Marasmius oreades, wie das Foto zeigt. Und zwar auf dem Spielfeld wie auch drum herum. Folgt einer längeren Trockenperiode ein Regenschauer, so verspricht dieser Sportplatz abermals gute Ernte. So setzte hier zur Monatswende Juli/August 2010 ein sehr ergiebiger zweiter Schub ein.












Foto links: Ob es eine gute Idee war, meinem Nachbarn mein bestes Revier für Nelkenschwindlinge zu zeigen? Es ist die Zeit der ersten Nachlese. Zur Monatswende Juli/August hatte es nach langer Trockenperiode ergiebig geregnet. Die nachfolgende Wärme trieb die Pilze massenhaft aus dem Boden des Sportplatzes.




Diese feinen Pilze nicht braten! Den verholzten Teil ihres Stieles abschneiden und die Pilze in der Suppe oder Soße auf schwacher Flamme einfach mitköcheln lassen. So entfalten sie am besten ihr schönes Aroma.

Die Pilze können problemlos im Aluschälchen auf der Zentralheizung getrocknet werden. Weil sie kaum Masse haben, geht's in einem Dörrautomaten oder Dörrgerät  in Nullkommanix. Es steht einem frei, ob man sie hernach zu edlem Pilzpulver vermahlt oder sie in einem dunkelbraunen Glas gut verschlossen lagert. So halten sie Jahre.


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