Hans-Heinrich Kunde: „Ich
bin ein stationärer Mensch“



Fortsetzung des Porträts über Hans-Heinrich Kunde

Dass Hans-Heinrich Kunde aus Ribnitz an der Ostsee zu einem der besten Kenner der Pilze in Ostdeutschland werden würde, kam nicht von ungefähr. Vermutlich wurden ihm Zähigkeit und Durchhaltevermögen schon im frühesten Alter antrainiert – unfreiwillig.

Kunde wurde 1944 bei Köslin/Pommern im heutigen Polen geboren. Als er zwei Jahre alt war, wurde er zusammen mit seiner Großmutter in einen eiskalten Eisenbahnwaggon gesetzt. Die Überlebenschancen in diesen Vertreibungszügen, die im Januar 1946 bei bis zu minus 20 Grad Celsius fuhren, gingen gegen Null.


Foto: Wenn sich die Wälder um Ribnitz golden verfärben, ist es ein Traum, am Darß Pilze zu sammeln. Hans-Heinrich Kunde zeigt, wo sie stehen...




Kundes Hitliste mit den besten einheimischen Vitalpilzen, die er im Laufe seines Lebens kennenlernte und einsetzte




„Ich habe das im Gegensatz zu den meisten anderen Kleinkindern überlebt. Denn an sich bedeuteten diese Fahrten den Tod. Vielleicht war es ein unbewusster Reflex, dass ich überleben wollte. Aber das hat mir für mein weiteres Leben starke Willenskraft, Härte und Disziplin verliehen.“

Hans-Heinrich Kunde wurde unter anderem Vermessungstechniker. „Das passte prima. Zum einen hatte ich damit einen erdgebundenen Beruf und war fast ständig draußen. Zum anderen vermaß ich genau die Region, in der meine Pilze wuchsen.“ Auch bei seiner neuesten Beschäftigung - er beschriftet Wegesteine mit Texten - weht ihm der Wind um die Nase.

Während er so spricht, setzt er die Bierflasche ab und schielt zum Himmel. Das macht er häufig am Getränkemarkt Brinkmann. Gegen vier, halb fünf Uhr nachmittags gibt er sich gerne einem Zustand zwischen entspannter Gedankenlosigkeit und scharfem Sinnieren hin.




Foto rechts: Kein alltäglicher Fund an einer total morschen Buche: Der Ästige Stachelbart. Er ist jung - eine willkommene Bereicherung für die Pilzsuppe.





Die Aufwallungen des Tages beginnen sich zu setzen. Und wenn er so zur Ruhe kommt, steigen plötzlich Ideen auf. Er sagt: „Nach erledigter Arbeit mache ich oft mein nächstes Tagesprogramm fertig. Man schaut ein bisschen hoch und formuliert die eine oder andere Schlagzeile über Pilze für die Presse vor.“

Hans-Heinrich Kunde "füttert" die örtliche Zeitung mit gern genommenen Berichten über Pilze. Aber er hat Grund zur Klage: "Die Medien sind heute sensationslüstern. Das hat es in der Ostzone nicht gegeben. Damals konnte man ausführliche Berichte rein sachbezogen und informativ veröffentlichen, ohne einen Anflug von Sensation.

Sie dienten ausschließlich der Sache und hatten ein hohes Niveau. Das hing damit zusammen, dass Wildpilze als Nahrung die Volkswirtschaft entlasteten. Deshalb wurde die Pilzsuche gefördert.“



Foto: Mit dem Fahrrad geht's zurück nach Ribnitz. Der Stachelbart lugt aus dem Korb, das Ruhebänkchen lässt Kunde links liegen. Denn viel schöner...




Foto rechts: ... ist es, im Getränkemarkt die Gedanken schweifen zu lassen: "Hier bereite ich gerne die Regularien für den nächsten Tag vor."




In dieser Mußestunde arbeitet er gedanklich auch gerne an seiner Weihnachtsgeschichte. Jedes Jahr schreibt er eine neue. Es finden sich darin Splitter und Ereignisse aus Wäldern, Feldern und Stuben, die er zu einer phantasievollen Handlung verknüpft. Diese Weihnachtsgeschichte bekommt ein ausgewählter Kreis an Lesern.



Kunde schätzt den Getränkemarkt Brinkmann. Er sagt: „Hier lässt sich´s nach dem Tagewerk prima entspannen.“ So mancher Ribnitzer sieht das ähnlich, denn einer nach dem anderen schaut vorbei.



Foto rechts: Gegen 18.30 Uhr stellt der Pilzberater eine Prachtmischung an herbstlichen Suppenpilzen zusammen. Sie ist ein Reifezeugnis für einen gestandenen Pilzsammler.




Er wird ein wenig melancholisch: „Ich bin unendlich glücklich in dieser Landschaft hier und rühre mich kaum einmal weg. Ich bin ein stationärer Mensch. Im Sommer liege ich am Strand wie eine Padde. Das ist traumhaft. Warum sollte ich hier weg und auch noch 500 Euro für einen Urlaub ausgeben? Lass die anderen man nach Machorka fliegen.“

Natürlich meidet er das Wort „Mallorca“ bewusst und spricht „Machorka“ wie den Namen des russischen Tabaks aus.

Um auf diese Weise eine Grenze zwischen Touristenflitter und Erdverwachsenheit zu ziehen? Das eine erscheint ihm flüchtig wie eine auf 14 Tage gedehnte Momentaufnahme. Das andere wie ein kraftvolles lebenslanges Kontinuum.



Foto rechts: Ein Bild wie aus versunkenen Tagen: So ähnlich sah es bis in die 60er Jahre auf dem Lande aus, wenn Pilzsammler von ihrer Ernte auch Freunden oder Bekannten etwas brachten. Kunde, der hier mit Sohn Thomas durch Ribnitz-Damgarten marschiert, hält diese so gut wie verlorene Tradition bis heute aufrecht.




Leider gab es in seiner Freizeitbiographie einen Riss. Das war am 31. Dezember 2000. Da hat nämlich „sein“ früherer Getränkemarkt für immer dicht gemacht. „Ender“ hieß er – da stand das Ende schon im Namen. Wie für alle, so war das auch ein Schlag für Hans-Heinrich Kunde.

Und das nicht nur, weil er fortan eine ganze Zeit lang nicht mehr die Kultur eines Stehmenschen pflegen konnte. Er sagte damals: „Es stimmt mich traurig, weil mit dem Getränkemarkt Ender schon wieder ein liebenswertes Mosaiksteinchen verschwunden ist.

Das Lustigste im Leben ist nicht Geld. Es sind die lieben kleinen Dinge, die oft banal erscheinen. Wie meine Stehrunde. Jetzt, wo sie nicht mehr da ist, merke ich, wie sehr sie mir fehlt.“


Foto: Kurz danach überreicht er der Wirtin vom "Fuchsbau", seinem Stammlokal, den Karton. Es ist Freitagabend. Wird das am Wochenende eine Pilzsuppe für die Gäste geben!


Nur gut, dass Hans-Heinrich Kunde mit eingeschränkten Lebensumständen immer schon gut zurecht kam. „Zugunsten meiner Pilze habe ich gerne auf anderes verzichtet. Früher, als ich noch als Landvermesser gearbeitet habe, lehnte ich es ab, wie ein Verrückter zu buckeln. Lieber startete ich pünktlich meine Pilzberatung, als ein Zusatzgeld zu verdienen.“

Als er auf die 60 zuging, hat er als Honorarkraft weiter das Land vermessen, hat Wegesteine gesetzt und bemalt und touristische Fahrradfahrten geführt. Nur immer draußen sein, seine Pilze im Visier, das war sein Ein und Alles.

Und fast will es scheinen, als habe er die eigene Bescheidenheit aus der Welt der Pilze abgeschaut. „Oft stellen sich ja Pilze stolz und stramm hin, die in Wirklichkeit gar nicht viel bieten. Sie wollen nur blenden. Die kleinen, unscheinbaren machen glücklicher.“



Foto rechts: Auch den Weg nach Hause geht Hans-Heinrich Kunde nicht mit leeren Händen. Da er weder Führerschein noch Auto je besaß, ist er es gewohnt, ständig irgendwelche, auch schwere, Lasten zu schleppen. In diesem Fall und in diesem Sack sind es Kürbisse, die er im Pfarrgarten gezogen hatte. Morgen wird er einen Teil davon zu einer Pilz-Kürbissuppe verarbeiten...




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