Wolfgangs Pilzpost: Erinnerungen an 1984, als
10.000 Steinpilze in dem kleinen Wald wuchsen



Wolfgangs Pilzpost vom 7. Oktober 2014 (Nachtrag)

»Lieber Heinz-Wilhelm,

ich besuche Deine Website sehr gerne, da ich es super finde, wenn man auf einen Blick sieht, ob sich in den Wäldern der eigenen Region schon etwas tut oder ob man sich den Gang sparen kann. Feuchtes und warmes Wetter sind zwar immer ein gutes Indiz, aber ein Garantie für Pilze in jedem Fall sind sie nicht.

Ich bin mittlerweile Anfang vierzig und habe schon als kleiner Junge ab und zu Pilze gesammelt. Ich denke gerne an meine Kindheit zurück, in der ich später mit meinen Freunden, öfters zu zweit, mal auch zu viert oder alleine loszog, um Steinpilze zu suchen. Andere Pilze wurden natürlich auch mitgenommen. Dazu zählten Maronen, die es jedoch später und nicht so häufig gab, die noch selteneren Pfifferlinge, die eine oder andere Parasole und Reizker. Mit anderen Pilzarten kannte ich mich damals noch nicht so sehr aus.

(Wolfgangs Pilzpost)


Pilze zu suchen war immer eine große Leidenschaft für mich, auch als Kind. Mit etwa elf Jahren bin ich zum ersten Mal alleine losgezogen.

Die Ruhe, die gute Luft und die wunderbare Sammellust, stets verbunden mit den Fragen, ob und wie viele Pilze es wohl schon geben würde, habe ich immer geliebt. Im Hinterkopf aber auch die Gruselbilder aus der Sendung »Aktenzeichen XY ungelöst« und das unbehagliche Gefühl, wenn man morgens als Kind allein im Wald war. Aber meine Sammelleidenschaft war größer und hat stets gesiegt.

Ich erinnere mich, dass die ersten Steinpilze einer Saison sehr unterschiedlich da sein konnten. Ende Juni war die früheste Zeit. Das späteste Wachstum war einmal erst Ende November. Man muss sich das überlegen: Steinpilze bis zum Beginn der Adventszeit beziehungsweise bis einen Monat vor Weihnachten. Ich glaube, das war 1986, also im Tschernobyl-Jahr.

(Wolfgangs Pilzpost)


1984 war mein bestes Steinpilzjahr. Manchmal haben wir jeder über einhundert Steinpilze während eines Suchganges gefunden. Und das, obwohl im Wald genügend Konkurrenten unterwegs waren. In jenem Jahr habe ich jeden Besuch im Wald aufgeschrieben. Über 700 Steinpilze waren am Ende zusammengekommen; bei meinen Freunden etwa die gleiche Anzahl. Das heißt, wir hatten in diesem einen Waldabschnitt über 2000 Steinpilze gesammelt.

Es muss in dem Rekordjahr 1984 weit über 10.000 Steinpilze in diesem Wald gegeben haben, und das, obwohl der Wald nur ca. 700 mal 500 Meter groß ist – wenn überhaupt. In keinem anderen späteren Jahr gab es nur annähernd so viele Steinpilze.


Nach mehr als über 15 Jahren bin ich 2014 (wir waren inzwischen etwas weiter weggezogen) erstmals wieder vor Ort gewesen. Es gab gar keine Steinpilze, nicht einen, obwohl hier im Forum zeitgleich schon von »Massen an Steinpilzen« geschwärmt wurde.

Früher kannte ich in diesem Wald alle Teilstücke und Ecken, neue Mini-Steinpilze haben wir unter Tannen- oder Fichtenzapfen vor anderen Suchern versteckt. Nach dem Suchen haben wir manchmal Lager gebaut oder eine Tannenzapfenschlacht gemacht. Das ging so lange, bis ein Pechvogel einen der grüneren Zapfen an den Kopf bekommen hatte.

Mein Kindheitswald steht in Landsberg am Lech, er ist ein Teil des Frauenwaldes gegenüber der ehemaligen Kaserneneinfahrt. Er war ein Wahnsinns-Steinpilzwald. Wie gerne denke ich an ihn zurück. Es ist mir allerdings ein Rätsel, warum sich das Vorkommen an Steinpilzen so sehr vermindert hat.

In meiner neuen Heimat, südlich von Augsburg, habe ich jetzt wieder angefangen, nach neuen Pilzgebieten zu suchen. Wegen unseres Nachwuchses war für längere Streifzüge in den vergangenen Jahren kaum Zeit dazu gewesen. Steinpilze sind hier eher rar – aber es gibt ja auch andere schöne Pilzarten.

An was ich rückblickend auch manchmal denken muss, ist das Waldsterben. Das war damals in den 80ern ein großes Thema. Es gab die Plakate von den Grünen, darauf hieß es etwa »Der Wald stirbt« oder »Rettet den Wald«. Heute hört man nahezu nichts mehr darüber, ich glaube, es hat sich wirklich einiges verbessert.

Ich bin wirklich kein Experte auf diesem Gebiet, aber ich habe die Fichtenwälder in meiner Kindheit viele Jahre durchstreift und nicht nur auf die Pilze geschaut. Wenn ich mir heute die Fichtenbäume ansehe, sind sie aus meiner Sicht ganz anders. Sie haben mehr und grünere Nadeln und sehen deutlich vitaler aus.


Damals sah man immer wieder Bäume, unter denen ein Teppich aus abgeworfenen grünen Nadeln lag. Wenn man den Stamm etwas erschütterte, regnete es grüne Nadeln, hunderte und tausende. So etwas habe ich in den letzten Jahren gar nicht mehr gesehen. Die meisten Fichten hatten damals auch ziemlich lichte Äste. Ganz im Gegensatz zu den Nadelbäumen in den Gärten, deren Böden vermutlich einen besseren Nährstoffgehalt hatten.

Vielleicht wecke ich ja mit meiner Schilderung die eine oder andere schöne Erinnerung bei Euch Pilzfreunden. Behaltet Eure Lust am Sammeln, genießt den Wald und steckt Eure Freunde mit Eurer Begeisterung für Wald und Natur an!

Liebe Grüße Wolfgang«

(Wolfgangs Pilzpost)


Lieber Wolfgang,

vielen Dank für diese leidenschaftlichen Schilderungen!

Das Ausbleiben »Deiner« Steinpilze ist gewiss so zu erklären, dass irgendwann nach Jahren oder Jahrzehnten das Wuchsstadium der Bäume oder genauer das ihrer Feinwurzeln, an denen das Pilzmyzel zum Nahrungsaustausch andockt, nicht mehr geeignet ist für eine wirksame Belieferung der Pilze bzw. Steinpilze mit Zucker. Die Pilze führen ja den Baumwurzeln wertvolle Mineralien zu, während die Bäume den Pilzen Zuckernahrung geben.

Besonders bei Fichten habe ich immer wieder beobachtet, dass es irgendwann für die Steinpilze ein Ende hat. Rotbuchen hingegen gehen mit Steinpilzen über Jahrzehnte eine erfolgreiche Partnerschaft ein, vorausgesetzt, es gibt keine externen Eingriffe.

Ich wünsche Dir weiterhin viel Freude bei Deinen Waldgängen - und dass Du an Deinem neuen Wohnort vielleicht doch ein so gut tragendes Steinpilzrevier wiederentdeckst wie Dein verlorenes!

Herzliche Grüße Heinz-Wilhelm

(Wolfgangs Pilzpost)

Alle Illustrationen auf dieser Seite: (© 3drenderings - fotolia)




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