Pilzticker RP 75:
Funde vom 30.05.2021 - 07.06.2021



Pilzticker RP 75




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Pilzschulung mit Thomas - sehr lesenswert!

Ein Speisepilz, der einen Giftpilz vortäuscht, und ein Giftpilz, der sich als Speisepilz ausgibt


Foto: Zwei Perlpilze links, eine Siebschüssel mit Nelkenschwindlingen - und ein Champignon, der eigentlich nicht neben diesen zwei Speisepilzarten liegen sollte: ein Karbolegerling. Er will sich mit seiner Weigerung, zu gilben, nicht als Giftpilz verraten. Das macht ihn tückisch. Hier ist im Übrigen die kantig-klobige Hutform, die typisch für diese Pilzart ist und die weiter unten angesprochen wird, recht gut zu erkennen. (9 Fotos © Thomas)

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Thomas schreibt am 7. Juni 2021:

"Hallo Heinz-Wilhelm,

auf dem Weg zu unserem Campingplatz in Rülzheim sah ich beim Vorbeifahren mit dem Auto, auf unserer Champignonwiese nochmal zwei weiße Pilze stehen. Ich hielt kurz auf dem Seitenstreifen, sprang raus und holte mir wieder zwei schöne Schafchampignons. In weiterer Entfernung konnte ich noch etwas Weißes entdecken. Dort wollte ich allerdings dann nicht mehr hinlaufen.

Bei der Ankunft am Campingplatz begrüßte uns ein Netzstieliger Hexenröhrling, und zwar direkt an unserer Parzelle. Er wuchs unter einer Linde in der Nähe einer Birke.


Foto: Ein Netzstieliger Hexenröhrling, sehr gut an seiner Netzzeichnung zu erkennen. Sie sind wahrhaftig keine schlechten Speisepilze, es gibt jedoch immer mal wieder Unverträglichkeiten im Zusammenspiel mit Alkoholgenuss.

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Am Abend brutzelten er und die zwei Champignons mit einigen der Flockenstieligen Hexen und den Perlpilzen, die ich in den Wäldern um Ettlingen gefunden hatte, mit gewürfelten Zucchini, Auberginen, Paprika und zum Schluss etwas Feta in der Gusspfanne auf dem Grill brutzeln.

Da es am Freitag immer wieder, am Samstag gar den ganzen Tag geregnet hat, fand ich nicht die Gelegenheit, um nochmal auf der Wiese nachzuschauen.

Gestern vor der Rückfahrt nach Karlsruhe nutzte ich am Nachmittag schnell einen regenfreien Moment, um doch noch nach den Pilzen, also diesen weißen Flecken, zu sehen.

Also ging ich erneut zu der Wiese am Waldrand. Da hier erst kürzlich gemäht worden war, kann man nun auch die Standorte der Nelkenschwindlinge besser erkennen. Denn jetzt haben sie auch in der Südpfalz ihren Auftrittsreigen. 2019 wuchsen die Nelkenschwindlinge hier in zwei anschließenden Hexenringen mit je zirka dreieinhalb Metern Durchmesser, zu einer geschlossenen Acht.


Foto: Die dunklen Grasbögen liefern oftmals einen Hinweis auf das Vorkommen von Nelkenschwindlingen. Das Gras ist deshalb höher und dunkler, weil es an dieser Stelle vom Wurzelgeflecht der Pilze (Myzel) besser mit Minerailien versorgt wird als das übrige Gras.

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Foto: Und da sind sie auch schon, die erhofften Nelkenschwindlinge. Köstliche Suppenpilze, die frisch nach Bittermandeln duften.

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Heute reichte es nicht ganz dazu und leider waren auch schon viele bereits madig. Aber zwei gute Handvoll einwandfreier Exemplare konnte ich noch von ihnen einsammeln.

Am Rande des Rotbuchen-Eichen-Mischwaldes, ein paar Schritte hinein, stand eine Majestät von Perlpilz und sein Nachwuchs. Beide kamen natürlich mit ins Körbchen.


Foto: Seine Majestät, der Perlpilz, gibt sich die Ehre. Der Nachwuchs scheint beim Anblick des erhabenen Souveräns in Ohnmacht gefallen zu sein.

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Auch hier in der Südpfalz taucht der Graue Wulstling zeitgleich mit dem Perlpilz und in unmittelbarer Nähe zu ihm auf. Aufgrund der fast konzentrisch angeordneten Velumflöckchen könnte man diese Exemplare auf den ersten Blick für Pantherpilze halten. Die Stielbasis und die geriefte Manschette verraten ihn jedoch als Grauen Wulstling.

Des Weiteren, konnte ich noch einen Stumpf, übersät von Grünblättrigen Schwefelköpfen und ein paar Schopftintlinge finden. Die Schopftintlinge waren aber bis auf einen schon weit überständig.


Foto: Zwei ausgewachsene Graue Wulstlinge, die nach dem Bild der Hutflocken wahrhaftig wie Pantherpilze anmuten. Doch die schöne, geordnete Manschette ist einen näheren Blick wert...

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Foto: ... und erweist sich als klar und deutlich gerieft. Damit ist klar: es sind Graue Wulstlinge! Die allerdings von keinem großen Wert als Speisepilze sind.

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Auf dem Rückweg zum Auto, lief ich dann noch zu dem weißen Pilz, den ich am Donnerstag gesehen hatte. Es war eine kleine Familie Champignons. Aber je näher ich ihnen kam, desto stutziger wurde ich. Nach dem Geruchstest und dem Anschneiden der Stielbasis, enttarnten sie sich als Karbolchampignons.

Es waren die tückischsten Karbolchampignons, die ich in gut dreißig Jahren gefunden habe. Gerade weil auf der gleichen Wiese Schafchampignons wachsen und ich zuvor noch Nelkenschwindlinge sammelte und der leicht gasige Duft nach Bittermandel noch in der Nase hing. Auch die Gelbfärbung der Stielbasis, war bei diesen Exemplaren nahezu nicht vorhanden. Und der typische Phenolgeruch durch die Schwindlinge nicht wahrnehmbar.


Foto: Und es waren Karbolegerlinge! Ein Merkmal, das in der Literatur fast durchgängig zu kurz kommt, ist hier zumindest in Ansätzen sichtbar: die Hüte der Karbolegerlinge haben oftmals ein klobig-kantiges, geradezu kastenförmiges Aussehen. Das Exemplar hinten links, bei dem dies wenn auch schwach angedeutet ist, macht diese Pilzgruppe zumindest verdächtig.

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Foto: Und hier sehen wir es deutlich: das Kochwasser, in dem der Karbolegerling liegt, hat sich stark gelb verfärbt - fast ohne nach Karbol zu riechen.

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Um hier im Pilz-Ticker zu zeigen, wie schwach die Gelbfärbung der Stielbasis sein kann, und es sich dennoch um Karbolchampignons handelt, nahm ich eineinhalb Exemplare mit. Einer davon ist auf dem Gesamtfund (1. Foto, ganz oben) zu sehen. Dass es aber Karbolchampignons sind, zeigt das zweite Exemplar anhand des gelben Kochwassers beim Kochtest. Aber auch beim Kochen war der typische Geruch nach Phenol so gut wie nicht vorhanden. Fazit:

Auch bei klar identifizierten Champignons muss immer genau auf alle Merkmale geachtet werden!

In der Region um Rülzheim herum suche ich erst seit knapp drei Jahren nach Pilzen. Ich bin also immer noch am Erlaufen meiner dortigen Wälder. Ich habe aber feststellen können, dass es, obwohl es nicht weit vom Raum Karlsruhe entfernt ist, teilweise ein bis drei Wochen länger dauert, bis sich auch hier die Röhrlinge finden lassen.

Liebe Grüße an Dich und an alle Pilzfreunde, Thomas"

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Geschmackshighlight aus der Südpfalz

Für die köstlichen Südlichen Ackerlinge würde Thomas sogar den ein oder anderen Sommersteinpilz aussortieren


Foto: Für die Südlichen Ackerlinge würde Thomas manchen Sommersteinpilz aussortieren, so gut schmecken sie ihm. Rechts oben ein besonders großer, darunter ein Schafegerling, der größenmäßig ebenfalls nicht ganz ohne ist. (5 Fotos © Thomas)

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Thomas schreibt am 30. Mai 2021:

"Hallo Heinz-Wilhelm,

viel Neues gibt es aus den südpfälzischen Wäldern noch nicht zu vermelden.

Bei einem Sonntagsspaziergang mit der Familie am frühen Nachmittag bei wunderschönem sonnigen Wetter suchten wir natürlich auch nochmal unsere Stelle der Südlichen Ackerlinge ab. Hier hat sich nicht mehr viel getan. Lediglich eine Hälfte der wenigen, die ich letztes Wochenende noch stehen gelassen hatte, waren rrwachsen geworden und wollten eingesammelt werden.

Bei der anderen Hälfte hatten die Schnecken bereits vollen Einsatz gezeigt und die Hüte bis auf den Stiel komplett abgefressen. Vor einem Prachtexemplar im schmackhaftesten Alter mit 15 Zentimetern Hutdurchmesser, von dem letzte Woche noch nichts zu sehen war, hatten wohl auch die Weichtiere großen Respekt und ließen diesen fast unangetastet für uns stehen. Zu erwähnen ist vielleicht noch, dass ich noch nie einen dieser Pilze mit dem geringsten Madenbefall gefunden habe.


Foto: Hier der größte der Ackerlinge - Durchmesser 15 Zentimeter - noch einmal in freier Natur.

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Bei unserer Champignon-Wiese kamen wir leider zu spät. Denn hier wurde vor kurzem gerade erst gemäht und somit waren viele Champignons platt gefahren oder zerhäckselt. Lediglich zwei Schafchampignons konnten wir noch finden.

Allerdings war nur der größere der beiden noch madenfrei und kam mit ins Körbchen. Ein markantes Merkmal des Schafchampignons oder auch Weißer Anischampignon, ist der sternförmig abreißende Ring, und das Gilben an Druckstellen. Somit ist die Unterscheidung zum Wiesenchampignon recht einfach.


Foto: Das Gilben nach Druck auf den Hut ist ein gutes Kennzeichen der wohlschmeckenden Schafchampignons.

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Zu guter Letzt liefen wir noch ein bisschen durch den Wald. Hier zeigte ich unserer Tochter die großen Riesenbecherlinge mit ihrem Aussporverhalten. Einmal in den Kelch gepustet, dauert es drei bis vier Sekunden, bis er einen feinen Nebel Sporenpulver freisetzt, was der Kleinen sehr gefallen hat. Bei dieser Demonstration entdeckte ich im Hintergrund noch zwei kleine Kiefernzapfenrüblinge.

Auf dem Rückweg entdeckten wir in Unmengen von Kiefernrinde noch eine schöne Gruppe aus der Gattung der Dachpilze, vermutlich Rehbraune.

Die Hüte des großen Südlichen Ackerlings und des Schafchampignons gab es im Anschluss auch gleich gegrillt mit ein wenig Kräuterbutter. Einfach nur genial! Für die leckeren Südlichen Ackerlinge würde ich sogar den ein oder anderen Sommersteinpilz wieder aus dem Korb sortieren.

Wir wünschen Dir und allen Pilzfreunden einen guten Start in die nächste Woche.

Liebe Grüße, Thomas und Familie"

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Foto: Der Riesenbecherling verlockte zur kleinen Spielerei mit seinem Sporenstaub; im Hintergrund vor den zwei Holzplättchen versteckt sich schüchtern je ein Kiefernzapfenrübling.

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Foto: Dies sind ohne Zweifel Dachpilze, mit größter Wahrscheinlichkeit Rehbraune. Sie sind mittelmäßige Speisepilze für Mischpilzgerichte. Für ein Monopilzgericht taugen sie nicht. 

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