Leserpost 1 Naturschutz und Pilze:
Wie der Harvester mein Waldparadies zerstörte



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Foto: Der Albtraum Forstwirtschaft ist mittlerweile eine Horrorvision für unzählige Pilz- und Naturfreunde sowie Erholungssuchernde. Auf dem Foto sehen wir ein Spezialfahrzeug, das »Forwarder« genannt wird. Zu ihm gehört ein Rückewagen, der die frisch gefällten Baumstämme gleich Huckepack nehmen kann. Wo Fahrzeuge dieser Art auftauchen, ist es mit Pilzen und intakter Waldlandschaft auf Jahre vorbei. Als einer der Wenigen deutschlandweit zeigt Förster Peter Wohlleben im Staatsforst Hümmel in der Eifel, dass es auch anders geht: Wie früher, mit Rückepferden.

(Foto © Jürgen)

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Maria schreibt am 30. Oktober 2014 zum Thema »Albtraum Forstwirtschaft«:

»Hallo Heinz-Wilhelm, 

an das alljährliche Vabanquespiel, welche Waldstücke, die einem im vergangenen Jahr noch Sammlerfreude bescherten, den Winter ohne nachhaltige Bewirtschaftung überstanden haben und noch zugänglich sind, hat man sich ja allmählich gewöhnt. Wenn auch widerstrebend.

Nun hat auch in meinem Hauswald (Staatsforst, Bannwald, die Nachhaltigkeit betreffend FSC- bzw. PEFC-zertifiziert) mal wieder der Harvester gewütet.

Unter seinen Opfern ist diesmal leider auch mein ganz persönliches Pilzgärtchen Eden.

Ich kenne dieses knapp einen Quadratkilometer kleine Stückchen Wald seit meiner Kindheit, habe es den Wandel der Zeiten durchleben sehen. Bewirtschaftungen nach alter Manier, Windwürfe und -brüche und in den letzten Jahren die zahlreichen „laufenden Plastiktüten“. Dieses Waldstück hat immer gegeben, mal üppig, mal weniger üppig, aber stets pünktlich und zuverlässig: Im Juni die ersten Hexen, im Juli die ersten Steinpilze, dann die Perlpilze und ab August bis zum Ende schöne bunte Mischungen.

Ich verbinde mit diesem Stück Wald weit mehr als nur Ernteerfolge.

Hier habe ich eine Gesellschaft von Steinpilzen entdeckt, die ersten nach meinem Wiedereinstieg ins Pilzsammlerleben. Hier habe ich gelernt, Sommersteinpilze von Gallenröhrlingen, Kiefernsteinpilze von Fichtensteinpilzen und Blasshütige Röhrlinge (Boletus depilatus), auch Gehämmete Steinpilze genannt, von Maronen zu unterscheiden. Übrigens konnte ich in diesem Areal einmal zwei kämpfende Hirschkäfer beobachten, was ein Hinweis auf uralte Eichen sein soll.


Foto: Forwarder im Einsatz. Er ist bereits beladen mit einem dicken Bündel bereits gefällter Bäume. In solch einer Fichtenschonung sieht es hinterher meist aus wie nach einem Bombeneinschlag. (Foto © Jürgen)

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Nachdem der Harvester seine Arbeit erledigt hatte, habe ich mich durch die Absperrungen geschlichen.

Ich bin in dem zugerichteten Waldstück rumgestolpert wie auf einem fremden Planeten, wütend, fassungslos und halb blind vor Tränen. Und die ganze Verwüstung befand sich auch noch schamlos direkt hinter einem Waldlehrpfad. Ich habe dann noch einige kleine Röhrenpilze gefunden. Und ich habe ihnen versprochen, wiederzukommen, nicht nur zum Schwammerlhürdenkraxeln.

Im Pilzticker wird immer wieder über die Vernichtung langjähriger Pilzstellen geklagt. Aber es geht nicht nur um die Pilze, sondern um den Wald als Ganzes, um diesen vielfältigen Lebensraum, die grüne Lunge, den Lebensort für zahllose Organismen oder auch größere Säugetiere - und für unsere Entspannung.

Zugegeben, auch viele Erholungssuchende gehen mit ihm nicht gerade pfleglich um, wie Müll und andere menschliche Hinterlassenschaften vor allem entlang viel begangener Wege zeigen.

Aber diese seit einigen Jahren unter dem Deckmantel der Nachhaltigkeit betriebene Bewirtschaftung vor allem der staatlichen, also der Allgemeinheit gehörenden Wälder, ist doch nichts anderes als eine Ausbeutung mit minimalem Aufwand für maximalen Gewinn. Und wenn die Natur mit den Schäden irgendwann wirklich nicht mehr fertig wird, dann war's eben der Klimawandel oder ähnliches.

Vielleicht die erst nach langen Jahren zu Tage tretenden Spätschäden der klassischen Waldwirtschaft? Oder ist dann vielleicht der arglose Wanderer oder Pilzsammler schuld, der mit seinen Schritten den Boden verdichtet hat oder Steinchen abtritt, was zu Erosionen führt?

Mit Sicherheit aber nicht dieser wunderbare, hoch technisierte, Zeit und Personal sparende Erntehelfer namens Harvester. Nein nein, der – das wollen uns ja die Forstleute glauben machen – , schwebt natürlich mit seinen riesigen Reifen, ja sieht es denn keiner, über dem Boden. Und auf den paar Metern, wo er die Walderde dann doch richtig platt macht, da, liebe Waldbesucher, kann der Boden ja gar nicht erodieren. Luftverpestung, Schmieröl? Alles im grünen Bereich, liebe Waldbesucher.

Gott, was haben dahingegen einst die Rückepferde mit ihren hochgiftigen Pferdeäpfeln den Wald belastet. Und wie die den Waldboden komprimiert haben!

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Foto: Ja wo ist denn hier ein Steinpilz? Man wird ihn viele Jahre vergeblich suchen. Wo sich ein Harvester, ein Forwarder oder ein Skidder (Knickschlepper) erst einmal ausgetobt haben, muss sich ein zerstörtes Pilzmycel in jahrelanger Regeneration erst wieder aufbauen. Wegen der mehr oder weniger starken Bodenverdichtung mit schwer wiegenden Folgen werden von Umweltschützern an Wäldern irreparable langfristige Schäden befürchtet. (Foto © Jürgen)

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Erinnern wir uns an die1980er Jahre mit ihren überall zu lesenden Plakaten: »Der Wald stirbt!« oder »Rettet den Wald!«. Nun, der Wald lebt immer noch – und hat sich dank steigender Holzpreise zu einer sprudelnden Einnahmequelle entwickelt. Aus der es zu schöpfen gilt, solange es etwas zu schöpfen gibt. Denn Bäume wachsen bekanntlich langsam, und wenn man sieht, in welch krassem Gegensatz in vielen Wäldern Ernte und Aussaat (Aufforstung) stehen, wird wohl sehr viel Zeit vergehen, ehe es wieder etwas zu ernten gibt.

Und unsere geliebten Schwammerl?

Nun, wo ein Baumpartner abgeholzt wird, können auch seine Mykorrhizapilze nicht mehr wachsen. So einfach ist das.

Menschen haben immer schon Pilze und Beeren gesammelt, um sie zu essen oder zu verkaufen. Im Bayerwald hing, wie ich aus Erzählungen weiß, früher so manch bescheidene Existenz von diesem alljährlichen Erntesegen ab. Deshalb waren die Leute auch daran interessiert, sich diese Einnahmequelle zu erhalten. Entsprechend sorgsam gingen sie mit Pilzen und Beeren – und mit dem Wald um.

Die »Profis« von heute dagegen haben nur den schnellen Euro im Sinn – und gibt ein Wald nichts mehr her, dann auf zum nächsten – noch gibt es ja genug davon.

Und diejenigen, die ihnen eigentlich auf die Finger sehen und auch mal klopfen sollten, sind mit dem Einbringen der eigenen Ernte voll ausgelastet. Außerdem: Wer selbst im Glashaus sitzt, wird sich bekanntlich hüten, mit Steinen zu werfen.

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Foto: Tiefe Spurrillen vom Forwarder, in denen sich das Wasser sammelt. Versuche haben gezeigt, dass kleinere Fahrzeuge die Spuren deutlich besser halten als große, schwer beladene, die schneller aus der eingefahrenen Spur rutschen und so den Wald mehr schädigen. Hätte für diese sagenhafte Erkenntnis nicht der gesunde Menschenverstand gereicht? Viele Umweltschützer fürchten wegen des Einsatzes schwerer Gerätschaften langfristig irreparable Schäden am Wald, siehe dieser aufschlussreiche Textbericht der ARD.

(Foto © Jürgen)

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Rote Listen? Die müsste man doch erst einmal suchen. Und, noch viel schlimmer, lesen. Das kostet Zeit, die wiederum Geld kostet. Zudem können Maschinen ohnehin nicht lesen und sie fressen die Bäume verflixt schnell. Außerdem haben Jäger und Forstleute keine Exekutivgewalt und die, die sie haben, können sie im Wald erst nach Rücksprache mit den Forstämtern ausüben, welche wiederum... Nun, wir drehen uns im Kreis.

Heute war ich übrigens wieder an meinem zerstörten Stück Waldparadies. Und wer, glaubt Ihr, hat fast am Rand wohl auf mich gewartet? Nein, kein Förster, kein Harvester-Maschinist, sondern: ein Prachtkerl von einem Steinpilz. Er war zwar nicht mehr ganz taufrisch, aber völlig madenfrei. Er wurde besonders ehrfurchtsvoll verspeist. Hab' Dank, du armes geschundenes Fleckchen Wald!

So, das Ganze musste mal raus. Ich bin immer noch entsetzt und wütend, vor allem, wenn ich in Privatwäldern immer wieder sehe, wie man es auch machen kann.

Gruß Maria“


Foto: Der Harvester bzw. Forwarder war da. Und der Wald ist zum Schlachtfeld geworden. Was will ein Förster oder Ministerialbeamter Kindern und Jugendlichen bei diesem Anblick über den Natur- und Umweltschutz erzählen? Alle auf dieser Seite gezeigten Fotos wurden in der Nähe von Diemelstadt in Hessen gemacht, und zwar von Jürgen, den Ihr alle vom Pilzticker Hessen kennt. (Foto © Jürgen)

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Jens: »Langjährige Fundstellen sind auf Jahrzehnte vernichtet«

Jens schreibt am 4. Juli 2014

»Hallo Heinz-Wilhelm und Pilzfreunde,

beim Durchstöbern der Pilzticker diverser Bundesländer bin ich auf kritische Bemerkungen hinsichtlich von Waldarbeiten gestoßen. Siehe z. B. Michaels Schilderungen im Pilzticker-Baden-Württemberg vom 29. Mai 2014.

Dazu möchte ich mich aus eigener Erfahrung äußern. Die heutige Forstwirtschaft ist darauf bedacht, größtmögliche Gewinne zu erwirtschaften. Das Resultat davon ist, dass der Waldboden durch schwerste Forstmaschinen, so genannte Harvester oder Vollernter, extrem komprimiert wird. Außer den Stämmen bleibt anschließend alles liegen und bedeckt den Waldboden.

Das nennt man dann »ökologische Forstwirtschaft«. Zersetzerpilze werden zwar dafür sorgen, dass die organischen Überreste im Verlaufe von Jahrzehnten biologisch abgebaut werden. Aber für uns Pilzsammler bedeutet das, dass langjährige Fundstellen auf Jahre, in der Regel Jahrzehnte, vernichtet werden.

Dies gilt auch für Teile im Osterwald (Niedersachsen) sowie für die Wälder um den  
Diemelsee in Hessen.

Über die Zersetzung von Holz durch diverse Pilzarten ist im übrigen Interessantes in der Buchbesprechung FADENWESEN (Abschnitt »Warum war die Zitronengelbe Tramete zurückgekommen?«) gut nachlesbar.«

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Thomas: »Wer sich an die Wälder der 70er Jahre erinnern kann, denkt an Mord und Brand«

Thomas schreibt am 24. Juli 2014:

»Was die so genannte ökologische Forstwirtschaft flächendeckend in unseren Wäldern veranstaltet, ist mit dem Begriff 'unglaubliche Schweinerei' nur sehr unzureichend beschrieben.

Wenn man sich so wie ich an das Erscheinungsbild unserer Wälder in den 70er Jahren noch erinnern kann und das Ganze mit dem heutigen Istzustand vergleicht, so denkt man an Mord und Brand. Es geht einzig und allein um Gewinnmaximierung, die Natur bleibt auf der Strecke.

Nach getaner Arbeit besteht der Wald aus 100 x100 Meter großen Parzellen, schön getrennt durch so genannte Wirtschaftswege in vier Metern Breite mit 50cm tiefen Furchen im Waldboden.«

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