Kommentar Pilze und Naturschutz: Solange die Harvester wüten, sind Sammelbegrenzungen absurd



Kommentar Pilze und Naturschutz


Passion-pilze-sammeln.com ist primär eine Website, um der Leidenschaft von Pilzsammlern eine Bühne zu bieten. Sie möchte Genuss und Freude bei der Pilzsuche und beim Gebrauch von Pilzen vermitteln. 
Ich habe oft überlegt, inwieweit ich den Naturschutzgedanken konstruktiv auf dieser Website einbauen könnte. Immer wieder kam ich zu dem Schluss, dass Gebote, Mahnungen oder gar Verbote das Gegenteil des Beabsichtigten bewirken würden.

Auf dieser Website finden sich nicht wenige Anfänger ein, was erfreulich ist. Ich habe Bedenken, dass besonders sie vom Unbekannten und Seltenen angelockt werden und mitnehmen, was besser im Wald geblieben wäre.

Ich kann den einzelnen Pilzsammler ohnehin nicht in die Wälder begleiten und ihn an- oder ermahnen; letztlich wird immer er alleine vor Ort entscheiden, ob er einen seltenen Hahnenkamm erntet oder stehen lässt oder ob er ein Kilo oder 25 Kilo Steinpilze einsackt. Diese Entscheidung wird weit mehr von seiner anerzogenen Einstellung zur Natur und von seinem Gewissen bestimmt als von einer Website.

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Foto rechts: Ein Korb voll herrlicher Steinpilze. Sie werden nicht aussterben, nur weil sie vielleicht von einer Person statt von fünf oder sechs Personen gesammelt wurden, wie es das Gesetz wünscht. (Foto © Simone)





Es geht bei dem Problem des Pilznaturschutzes in erster Linie um ein Verteilproblem: Der Nächste erntet das, was der Erste stehen ließ - wenn er etwas stehen ließ. Es ist tendenziell davon auszugehen, dass mitgenommen wird, was da ist.


Das Problem ist der bandenmäßig organisierte Pilzraub

Ein weit größeres Problem in den Wäldern ist mittlerweile der organisierte Pilzraub für den Schwarzmarkt, wie dieses Beispiel aus Bad Münstereifel zeigt. Es ist nur ein Beispiel von inzwischen unzähligen.

Im Vergleich zu diesen bandenmäßigen Pilzsammlern, schwarz entlohnte Handlanger eines Auftraggebers, sind individuelle Pilzsammler, wie sie sich auf dieser Website einfinden, harmlose Naturfreunde.

In den entbehrungsreichen Nachkriegsjahren haben die Menschen alles aus den Wäldern geholt, was es zu holen gab. Weil sie mit Pilzen, Beeren oder Tannenzapfen (für das Ofenfeuer) Vorräte für den Winter anlegen mussten.

Damals wurden die Wälder über Jahre hinweg sprichwörtlich "leer geräumt", was in meinem Porträt über Dieter Sdun aus Dornstedt bei Querfurt gut nachzulesen ist. Wer Pilzfotos aus Russland sieht, fällt beinahe in Ohnmacht: Lkw fahren ganze Ladeflächen voller Pilze aus dem Wald. Dennoch gab es immer und gibt es auch heute genug Pilze. Für alle und überall.

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Foto: Paradoxum Grünling: Seit dieser ehemals geschätzte Speisepilz für gefährlich erklärt wurde und nicht mehr gesammelt wird, ist sein Bestand geradezu dramatisch zurückgegangen. Damit stellt sich die Frage: Werden die Artenschutzbestimmungen für Pilze überschätzt? (Foto © p-p-s.com)

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In diesem Zusammenhang interessant ist der einstmals gefragte Handels- und Marktpilz Grünling (Tricholoma equestre).

Dieser Herbstpilz hatte in Frankreich zwischen 1992 und 2000 drei Todesfälle gefordert. In Deutschland gab es daraufhin von etlichen Stellen die mehr oder weniger inoffizielle Empfehlung, diesen Pilz nicht mehr zu sammeln. Am 13. Dez. 2004 empfahl das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) im Papier 009/2005 offiziell, den Pilz nicht mehr zu sammeln und zu essen. Siehe "Der Grünling. Vom Leckerbissen zum Todeshappen". Er spielt in Deutschland also seit gut zehn Jahren als Speisepilz absolut keine Rolle mehr.

Seit genau diesem Zeitraum der Verschonung aber erlebt der Grünling einen dramatischen Bestandsrückgang. Ein ehemaliger Massenpilz gilt damit heute schon als "selten" (siehe Markus Flück, "Welcher Pilz ist das?", Stuttgart 2009) und stellenweise als nicht mehr nachweisbar. Wie wollen behördliche Naturschützer das in Einklang bringen mit Sammelbegrenzungsvorschriften?


Das Abernten von Pilzplätzen hat kaum Einfluss auf die Vermehrung

Hier kann man nachlesen, dass die Problematik des "Aberntens" von Pilzplätzen generell überbewertet wird. Und zwar deshalb, weil die Vermehrung der Pilze weit, weit mehr durch das unterirdische Wurzelgeflecht (Myzel) als durch die Verbreitung von Sporen gesichert wird. Dies hat - neben anderen (u.a. Studien in den USA) - die  Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) in einer Langzeitstudie eindeutig nachgewiesen.

Auch in der Süddeutschen Zeitung vom 17. Juli 2012, Nr. 163, Landkreis Starnberg, R8 (PST) kann man dies nachlesen. Nach diesem Bericht ist es "völlig normal, dass einige Arten zunehmen und andere zurückgehen". Peter Karasch, Beauftragter für die Kartierung der Pilze Bayerns in der Bayerischen Mykologischen Gesellschaft, kommentiert dies so: „Daran sind die Sammler nicht schuld.“

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Foto: Schafporlinge, gefunden im Landkreis Straubing-Bogen (Bayern). Diese Pilze sind nach der Bundesartenschutzverordnung "geschützt" und werden in Roten Listen als "gefährdet" eingestuft. Dass dennoch einige von einem mehrere Zentner umfassenden Vorkommen geerntet wurden, wird die Art nicht in ihrem Bestand gefährden. (Foto © Karl)

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Dahingegen verursachen die Holzerntemaschinen (Harvester) in den Wäldern Schäden in ganz anderer, folgenschwerer, lang anhaltender Dimension. Helmer Schack-Kirchner und Ernst Hildebrand von der Universität Freiburg schreiben zur Problematik der von Harvestern verursachten Bodenverdichtung: "Für Befahrungen im Rahmen der Holzernte können aus bodenkundlicher Sicht keine fahrzeug- oder standortbezogenen 'Unbedenklichkeitsbescheinigungen' gegeben werden" (von exponierten Ausnahmen abgesehen).

Heinrich Holzer, der Beauftragte der Bayerischen Gesellschaft für Mykologie im Nationalpark Bayerischer Wald, sieht alle an Bäume gebundene Pilze, also Mykorrhizapilze, besonders Röhrlinge, auf einem dramatischen Rückzug, für den er und Kollegen u. a. die tonnenschweren Harvester verantwortlich machen. Sie nehmen Pilzen erstens ihre Partnerbäume und verdichten zweitens massiv den Waldboden. Damit haben sie ein weit größeres Vernichtungspotential, als Pilzsammler es je werden erreichen können.

Lobbyisten der Holzwirtschaft und auch Behörden, die Berührungspunkte mit dem Waldnaturschutz haben, ignorieren diese Tatsachen jedoch gerne. Für sie ist eher der einzelne Mensch der Schuldige. Ist es nicht auch viel leichter, den kleinen Pilzsammler obrigkeitlich zu belehren, als sich mit der machtvollen Lobby der Holzwirtschaft anzulegen?


Foto: Das sehr empfehlenswerte Buch "Fadenwesen - Fabelhafte Pilzwelt" von Heinrich Holzer sensibilisiert smart und unaufdringlich für die Belange des Naturschutzes im Wald. Es ist ein gelungener Spagat zwischen der ästhetischen und wesenhaften Anziehungskraft von Pilzen einerseits und ihrem Schutzbedürfnis andererseits.

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Vor all diesen Hintergründen halte ich Sammelbeschränkungen für geradezu absurd. Mehr noch! 

Meiner Meinung nach geht es in erster Linie gar nicht um Naturschutz; vielmehr geht es speziell den Naturschutzbehörden primär um das Bevormundungsprinzip, das um der Bevormundung willen und in letzter Konsequenz um des Abkassierens willen praktiziert wird. Es ist, wenn man so will, ein Bußgeldkatalog nicht für das Verkehrsrecht, sondern für das Pilzsammelrecht.

Hier wird also ein mehr oder weniger am Schreibtisch geschaffenes und durch die Medien gerne hochgejazztes Problem - mal wieder - auf den Schultern des kleinen Mannes ausgetragen. Das ist eine Stellvertreterpolitik mit dem Auskeilen nach unten. Jedem Pilzsammler möglichst nur einen einzigen Steinpilz: Hoch lebe der Sozialismus!

Und ich gehe noch weiter: Der Naturschutz von Pilzen dient letzten Endes gar nicht dem Überleben der Pilze - er dient vor allem dem Schutz des eigenen bequemen, gut auskömmlichen Arbeitsplatzes, in der Regel der eines Beamten.

Die meisten Förster wissen dies. Und lassen deshalb die Pilzsammler weitgehend in Ruhe.

(hwb)

(Ende Kommentar Pilze und Naturschutz)


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